Kira Taige vom Feel Festival: „Ich lade auch mal einen LKW ab oder fahre selbst einen Radlader, wenn gerade Not an der Frau ist”
Wir wollten wissen, wie sich das Feel Festival zwischen Hedonismus, materiellen Zwängen und seinem politischen Anspruch verortet.

Das Feel weiß: Karussells machen nicht nur Kinder glücklich (Foto: Instagram: kimskrams)
23. Juli 2026 - Advertisement - - Advertisement -
Das Feel im südlichen Brandenburg beginnt heute. Wir wollten von Geschäftsführerin Kira Taige wissen, wie sich das Festival zwischen Hedonismus, materiellen Zwängen und einem konsequenten politischen Anspruch in seinem 14. Jahr verortet. Und für Kurzentschlossene, die beim Lesen des Interviews Lust bekommen, gibt es noch Sonntagstickets für das ansonsten ausverkaufte Festival. GROOVE: Das diesjährige Feel Festival steht unter dem Motto „Unterwegs – gemeinsam Grenzen überwinden”. Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen? Kira Taige: Das Motto entstand tatsächlich schon sehr früh und war ursprünglich schon für das vergangene Jahr anvisiert. Ausgangspunkt war zunächst eher der gestalterische Aspekt. Wir waren irgendwie beim Thema Flughafen. Beim weiteren Brainstorming wurde daraus dann das allgemeinere Grundthema „Reisen”. Kira Taige, die neue Geschäftsführerin des Feel (Foto: Feel Festival) Was interessiert dich an diesem Themenkomplex? Der Unterslogan „Gemeinsam Grenzen überwinden” war mir besonders wichtig, weil er das ganze Thema auf eine gesellschaftspolitische Ebene bringt. Reisen ist für viele Menschen etwas Schönes, aber gleichzeitig auch ein Privileg. Es hängt nicht nur vom Geld ab, sondern auch davon, in welchem Land man geboren wurde, welchen Pass man besitzt und ob man überhaupt die Chance hat, sich frei in der Welt zu bewegen. Neben der Dancefloor-Ekstase gibt es auch genügend Möglichkeiten zum Entspannen. (Foto: Instagram: zweischuss) Dich beschäftigt die politische Dimension des Themas. Deshalb greifen wir auf dem Gelände auch Themen wie Flucht oder die Festung Europa auf. Festivals sind natürlich Orte, an denen Menschen vom Alltag entspannen können, aber auch das ist ein Privileg. Gerade deshalb finde ich es wichtig, solche Themen zu besprechen und Menschen in einer ganz anderen Situation zu erreichen – nämlich in ihrer Freizeit, in ihrem privaten Umfeld sozusagen. Ich finde es wichtig, dass wir hier den Raum bieten, um gesellschaftliche Themen bewusst zu platzieren. Wie zieht sich das Motto durch das Festivalgelände? Schon am Eingang laufen die Besucher:innen durch einen VW-Bus und einen spacigen Bus. Über das Gelände verteilt gibt es verschiedene Elemente, die das Thema Reisen aufgreifen – zum Beispiel Tiere, die einem in der Welt begegnen. Allgemein wird in unserem Design das Thema stark sichtbar, sei es an dem VW-Camper oder daran, dass das Programmheft eine Bordzeitschrift ist. Die Kreuzberg-Bühne fusioniert in diesem Jahr mit der Live-Bühne zum XBerg. (Foto: Instagram: Danilo Rößger) Eben hast du über die Grenzen des Reisens gesprochen. Wo liegen die Potenziale? Da ist für mich ein wichtiger Punkt, dass Menschen wieder stärker miteinander in Kontakt kommen und neue Freundschaften und Bekanntschaften schließen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Miteinander auf Festivals teilweise verloren gegangen ist. Im vergangenen Jahr haben wir deshalb ein Quartettspiel entwickelt, bei dem jedes Kollektiv eine eigene Sammelkarte bekommen hat. Die Besucher:innen konnten die Karten tauschen und haben sich dafür sogar über eine Telegram-Gruppe verabredet. Das hat unglaublich gut funktioniert. 2025 konnte man den Gamecharakter des Mottos überall auf dem Gelände entdecken (Foto: Instagram: kimskrams) Was macht ihr in diesem Jahr? Dieses Jahr gibt es deshalb Briefmarken, die man sammeln und tauschen kann – leider keine echten, das hätte einen riesigen Kostenfaktor dargestellt. Für alle, die trotzdem eine Postkarte schicken wollen: vom Späti aus kann man Briefe an fremde Menschen auf dem Festival schreiben. Außerdem gibt es eine Poststation, von der aus man einen Teil von sich selbst verschicken kann. Das klingt erst mal ein wenig seltsam. Bisher hat mir das Kollektiv, das dahintersteckt, nichts Genaueres darüber erklärt. Ich bin also selbst sehr gespannt. Wer aus seinen Kronkorken etwas basteln möchte, findet bei einem von vielen Workshops die Möglichkeit, kreativ zu werden (Foto: Instagram: lukasbaumgrtel) Eine große Veränderung dieses Jahr ist der Umzug des Strandfloors. Was steckt dahinter? Der Strandfloor zieht in den Hafen um. Unser Gelände ist ein ehemaliges Bergbaugebiet, das touristisch entwickelt wird. Deshalb wird es in Zukunft Baumaßnahmen neben unserem Gelände geben. Deshalb wurden Amphibienzäune aufgebaut. Die hätten zusammen mit einer unfertigen Baustelle an einer Rampe am Strand dazu geführt, dass der Strandfloor von einer Reihe von Zäunen umgeben gewesen wäre. Deshalb haben wir uns vor etwa zwei Monaten entschieden, ihn in den Hafen zu verlegen. Und die Idee, dort irgendwann mal einen Floor aufzubauen, gab es schon länger. Jetzt probieren wir es einfach mal aus. Das ist auf jeden Fall die größte Veränderung in diesem Jahr. Worauf sich Besucher:innen jedes Jahr freuen dürfen: ein Kettenkarussell (Foto: Instagram: lukasbaumgrtel) Welche weiteren kleinen Veränderungen gibt es? Wir haben uns natürlich auch die Kritikpunkte aus dem vergangenen Jahr angeschaut. Ein großes Thema war die Wasserversorgung an der Hohen Düne, einem Floor, der etwas abgelegen ist. Wegen der langen Strecke war es schwierig, dort ausreichend Wasserdruck aufzubauen. Dieses Jahr haben wir das erstmals geschafft. Außerdem wurden die Kreuzberg-Stage und die Livebühne zusammengelegt. Dort gibt es am frühen Abend Livemusik, vor allem Rap, und nachts dann den klassischen Kreuzberg-Sound. Auch kreative Pausen kommen nicht zu kurz (Foto: Instagram: kimskrams) Auf dem Kreuzberg-Floor waren in den vergangenen Jahren derbere Klänge von Shoki 287, MCR-T oder Clara Cuvé zu hören. Das passt tatsächlich sehr gut, weil die Livebühne im vergangenen Jahr nachts oft nicht bespielt wurde und leer stand. Das fand ich schade. Außerdem gibt es dieses Jahr endlich wieder einen Ambient-Floor und einen Fire Space. Der Ambient-Floor war uns wichtig, weil Chill-Out- und Rückzugsorte in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen sind. Da soll in Zukunft wieder mehr Fokus darauf liegen. Der Fire Space befindet sich an der Strandkante, um auch ein wenig den Strand zu bespielen. Überall auf dem Gelände findet man kreative Bauinstallationen (Foto: Instagram: kimskrams) Auf dem Gelände entstehen viele Dinge auch spontan. Wie wichtig ist dieser kreative Freiraum? Wir planen natürlich die Floors und Installationen im Vorfeld. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Raum für spontane Kreativität zu lassen. Ein schönes Beispiel ist die Frosch-Installation am Strand. Die Idee entstand gemeinsam mit [Feel-Mitgründer, Anm.d.Red.] Alex Krüger, danach hat jemand anderes die Konzeption übernommen und unser Bauteam hat daraus schließlich einen riesigen Frosch gemacht. Genau solche Prozesse liebe ich: Wenn verschiedene Menschen ihre Ideen zusammenbringen und sich kreativ ausleben. Eine feierwütige Feel-Crowd (Foto: Instagram kimskrams) Im GROOVE-Interview im vergangenen Jahr hast du erzählt, das das Festival nach und nach um den See wandert. Was wird sich für die Gäste ändern? Für die Gäste wird sich zunächst nur ein Teil verändern. Der Haupteingang bleibt voraussichtlich bestehen. Vom Eingang aus gesehen wird sich die rechte Seite des Geländes eher Richtung Osten erweitern. Wahrscheinlich wird ein Teil vom Infield wegfallen, aber das wissen wir erst im nächsten Jahr. Die geplanten Bauarbeiten finden vor unserem Gelände statt, weil es sich aktuell noch um LMBV-Gebiet [das der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH untersteht, d.Red] handelt und dieses in den Bebauungsplan überführt werden muss. Wir sind deshalb mit den Behörden im Austausch, damit das Feel von Anfang an mitgedacht wird. Eine anbrechende Nacht auf dem Festival (Foto: Instagram: lukasbaumgrtel) Was ist da euer Ziel? Dass wir die Floors stehenlassen können. Aktuell bauen wir jedes Jahr alles komplett auf und wieder ab. Wir haben sechs Wochen Aufbauzeit und vier Wochen Abbauzeit. Bei einem Festival, bei dem jeder Floor individuell aus Holz gebaut wird, ist das ein enormer Aufwand. Arm in Arm auf dem Feel (Foto: Instagram: kimskrams) Dieses Jahr gibt es erstmals Soli-Tickets. Warum war euch das wichtig? Wir merken, dass nicht nur unsere Produktionskosten steigen, sondern auch viele Gäste weniger Geld für Kultur zur Verfügung haben. Deshalb wollten wir das Festival möglichst zugänglich halten und haben das Soli-Ticket eingeführt. Dabei haben wir uns bewusst gegen eine Altersbegrenzung entschieden, denn finanzielle Schwierigkeiten hängen nicht vom Alter ab. Auch ältere Menschen können in schwierige Situationen geraten. Gleichzeitig können wir Tickets nicht unbegrenzt günstiger anbieten, weil auch unsere eigenen Kosten stark steigen und wir keine Gegenfinanzierung für das günstigere Ticket haben. Deshalb gibt es das Soli-Ticket nur in einem begrenzten Kontingent, es kostet 125 Euro. Wie jedes Jahr gestalten zahlreiche Kollektive das Festival mit (Foto: Instagram: kimehmix) Zuletzt noch zu dir: Du bist jetzt im zweiten Jahr Geschäftsführerin des Feel Festivals. Welche Erfahrungen aus deinem ersten Jahr hast du mit in dieses genommen? Ich lerne natürlich die ganze Zeit unglaublich viel. Wir haben uns als Team extrem weiterentwickelt. Einige Menschen arbeiten inzwischen das ganze Jahr über bei uns und haben sich immer stärker in ihren jeweiligen Bereichen gefunden. Besonders schön ist, dass sich rund um unser Bauteam eine richtige Gemeinschaft entwickelt hat. Einige Zimmerer und Tischler waren schon im vergangenen Jahr dabei und möchten auch in Zukunft wiederkommen. Kreativität wird beim Feel großgeschrieben (Foto: Instagram: kimehmix) Was erwartest du als Chefin von deinem Team? Mir ist wichtig, dass jede Person Expert:in für den eigenen Bereich ist, eigenverantwortlich arbeitet und gleichzeitig weiß, dass sie jederzeit auf mich zukommen kann. Ich möchte, dass alle ihr Potenzial entfalten können, und ich glaube, das ist letztes Jahr schon gut gelungen. Und was nimmst du persönlich mit? Ich habe gelernt, stärker auf mein Bauchgefühl zu hören. Im vergangenen Jahr gab es Situationen, bei denen ich im Nachhinein dachte: Eigentlich hatte ich von Anfang an ein komisches Gefühl, ich hätte mich darauf verlassen sollen. Dieses Jahr nehme ich solche Gefühle ernster und handle danach. Eine Holzinstallation bei Nacht (Foto: Instagram: erikanton.insta) Gab es etwas, das du dir anders vorgestellt hast, als du die Geschäftsführung übernommen hast? Das ist eine schwierige Frage. Eigentlich bin ich nie davon ausgegangen, dass ich irgendwann Geschäftsführerin eines Festivals werde. Mit 16 wusste ich nur, dass ich in dieser Branche arbeiten und Festivals machen möchte. Dass ich jemals die Geschäftsführung übernehmen würde, hätte ich nie gedacht. Deshalb bin ich da mehr oder weniger ohne Erwartungen rangegangen. Was ist dir in dieser Position besonders wichtig? Gemeinsam mit dem Team zu lernen und zu wachsen. Gerade bei einem Festival dieser Größe ist es wichtig, Erfahrungen weiterzugeben. Ich mache das inzwischen seit elf Jahren und sehe manche Dinge vielleicht etwas gelassener als jemand, der zum ersten Mal dabei ist. Am Ende geht es mir immer darum, gemeinsam im Team Lösungen zu finden. Und das ist auch eine meiner Lieblingsaufgaben: kurz vor und während der Veranstaltung mit den Ressourcen, Kontakten und Möglichkeiten, die man hat, gemeinsam Probleme zu lösen. Seit 2015 findet das Feel am Bergheider See statt (Foto: Feel Festival) Du bist als Geschäftsführerin also nicht nur organisatorisch tätig, sondern packst auch selbst mit an? Klar, bestimmte Themen liegen natürlich bei den jeweiligen Gewerken. Wenn beispielsweise der Strom ausfällt, wende ich mich an das Strom-Team. Aber grundsätzlich bin ich für alle ansprechbar und unterstütze dort, wo gerade Hilfe gebraucht wird. Ich lade auch mal einen LKW ab oder fahre selbst einen Radlader, wenn gerade Not an der Frau ist. Um einen Blick in die Zukunft zu wagen: Wo siehst du das Feel Festival in den kommenden Jahren? Die Corona-Krise hat die Branche extrem getroffen. Gleichzeitig merkt man langsam, dass sich die Szene wieder erholt. Es gibt viele junge Kollektive, die neue Räume schaffen und aktiv dazu beitragen, dass die Szene diverser wird. Ich glaube, wir sind mit dem Feel auf einem sehr guten Weg, die Szene nachhaltiger und inklusiver zu gestalten. Ich möchte mit dem Feel unseren Teil dazu beitragen, Kultur möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen und diese Entwicklungen weiter zu unterstützen. Auch romantische Sonnenuntergänge mit den Besties dürfen nicht fehlen (Foto: Instagram: hannifazekas_photo) Zuallerletzt: Welche Erinnerungen sollen Besucher:innen nach dem Festival mit nach Hause nehmen? Ich hoffe, dass Menschen neue Kontakte knüpfen, neue Perspektiven kennenlernen und mit anderen Lebensrealitäten in Berührung kommen. Auch musikalisch soll das Festival eine Entdeckungsreise sein. Wir veröffentlichen unser Line-up bewusst nicht, weil wir möchten, dass Menschen über das Gelände laufen und neue Künstler:innen entdecken. Besonders schön finde ich die vielen kleinen Überraschungen dieses Jahr. Es gibt zum Beispiel einen Sidequest-Master, der in Handarbeit entstanden ist. Dahinter steckt eine KI, die nach verschiedenen Fragen individuelle Aufgaben, sogenannte Sidequests, für die Festivalbesucher:innen ausdruckt, die sie auf dem Gelände erfüllen müssen. Am Ende geht es uns darum, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen abtauchen können. In diesem Text Warum er eine Heimat in Melodien nachbaut und Identität für eine Halluzination hält, hat Jarred Beeler alias DJ Plead im Gespräch erklärt.
14. Juli 2026
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