Team Interview: Timm Zeiss, Geschäftsführer
Heute wollen wir uns mal mit der wahrhaftigen Führungsriege von Rave The Planet befassen und baten um entsprechende Audienz bei unserem Geschäftsführer Timm Zeiss. Timm hält die Rave The Planet gGmbH auch hinter den Kulissen zusammen und kümmert sich als Wirtschaftsjurist, Unternehmer, Geschäftsführer und Demoleiter seit Anfang 2022 gemeinsam mit dem Leitungsteam um die rechtlichen, …

Timm Zeiss hält die Rave The Planet gGmbH auch hinter den Kulissen zusammen und kümmert sich als Wirtschaftsjurist, Unternehmer, Geschäftsführer und Demoleiter seit Anfang 2022 gemeinsam mit dem Leitungsteam um die rechtlichen, wirtschaftlichen und organisatorischen Grundlagen der Demonstration und überhaupt des gesamten Konstruktes. Wer jetzt denkt, das klingt schon ein bisschen konservativ, täuscht sich, denn Timm ist seit Jahrzehnten Techno-Aktivist und blickt auf eine lange Verbindung zur elektronischen Musikkultur zurück. Vom berühmten Stammheim in Kassel über den Berliner Lichtpark bis zu nächtlichen Verhandlungen mit Behörden, Polizei und Feuerwehr führte sein Weg durch ganz unterschiedliche Bereiche der Szene. Viele Gründe, um ihn in dieser Interviewreihe ein wenig ins Rampenlicht zu stellen, nachzufragen und mit ihm über spontane Entscheidungen mit weitreichenden Folgen, Verantwortung für Hunderttausende Menschen, das Verhältnis zwischen Idealismus und wirtschaftlicher Realität und die Frage, weshalb sich die Arbeit am Ende trotzdem lohnt, zu sprechen. Vom Stammheim zum Lichtpark RTP: Du bist Wirtschaftsjurist und Unternehmer, zugleich aber seit vielen Jahren eng mit der Berliner Clubkultur verbunden. Wie bist du überhaupt in diese Rolle hineingerutscht und welche Stationen waren für dich besonders prägend? Timm Zeiss: Da muss ich leider etwas weiter ausholen: Im Grunde bin ich um 2010 herum über meine Arbeit wieder ins Clubleben zurückgekehrt, eher zufällig, wenn es denn ein Zufall war. Zuvor kannte ich es nur von der anderen Seite der Theke, nämlich als Gast. Bis 2008 habe ich in Kassel gewohnt. Dort habe ich noch heute eine Base und halte mich aus beruflichen Gründen mindestens zweimal im Monat für einige Tage auf. Von 1994 bis 2001 gab es dort das Aufschwung Ost, später hieß der Club Stammheim. Dort gehörte ich quasi zum Inventar. Als ich ab etwa 2008 schrittweise nach Berlin kam, war ich schwerpunktmäßig im Firmengründungsgeschäft tätig. Einer unserer Mandanten war Veranstalter im Raum Berlin und hatte über uns eine Gesellschaft für seine Aktivitäten gegründet. Irgendwann kam er auf mich zu und erklärte, er wolle das Gelände des Lichtparks in der Michaelkirchstraße in Berlin-Mitte legal als Open-Air-Club betreiben. Zuvor hatte er dort immer wieder die Partyreihe „Licht und Liebe“, wenn ich mich richtig erinnere, im Rahmen einer mehr oder weniger illegalen temporären Besetzung veranstaltet. Mit seinem damaligen Partner fuhr ich anschließend zu einem Versteigerungstermin für das Gelände beim Amtsgericht Mitte. Das Grundstück wurde von einer Grundpfandgläubigerin aus dem Unternehmensumfeld von Nicolas Berggruen erworben. Direkt nach dem Termin sprachen wir den anwesenden Geschäftsführer oder Prokuristen an und fragten, ob wir das Gelände für 500 Euro im Monat mieten könnten. Er sagte sofort zu. RTP: Okay, klingt ja nach einem ganz coolen Deal, den ihr da aushandeln konntet. Timm Zeiss: Ja, aber ganz ehrlich waren wir dabei allerdings nicht. Unsere Absicht, dort einen Technoclub zu betreiben, hatten wir sehr elegant umschrieben. RTP: Oha, gab’s dann Stress? Timm Zeiss: Es gab später einigen Ärger, auch mit dem damaligen bekannten Nachbarn Kater Holzig. Aber das ist Schnee von gestern. Im Ergebnis betrieben wir den Lichtpark, der zuletzt RAMPE hieß, etwa fünf Jahre lang. Es war eine schöne und turbulente Zeit, aber von vornherein ein Projekt auf Zeit. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. RTP: Und ging es dann direkt weiter mit neuen Szene-Projekten? Timm Zeiss: Danach wurde es erst einmal wieder ruhiger um mich und meine Vorliebe für elektronische Clubs. Ich beteiligte mich noch an einem Radiosender für elektronische Musik und wurde dabei böse über den Tisch gezogen, aber das ist ein anderes Thema. Anschließend dachte ich mir: Back to the roots. Ich mache wieder nur Insolvenzrecht. RTP: Nun sind ja deine Roots aber trotzdem auch in der elektronischen Szene und wie wir wissen, ist es beim Insolvenzrecht dann bekanntlich ja auch nicht geblieben, denn seit Anfang 2022 bist du Geschäftsführer von Rave The Planet, zunächst ehrenamtlich. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet du diese Aufgabe übernommen hast? Timm Zeiss: Ja, ganz ehrenamtlich bin ich seit einigen Monaten nicht mehr. Inzwischen erhalte ich im Rahmen eines Minijobs ein sehr bescheidenes Salär. Davon kann ich ab und zu meine Familie zum Essen einladen, um sie für meine Aktivitäten und meine häufige Abwesenheit zu entschädigen. RTP: Na, immerhin! *lacht* Timm Zeiss: Aber Spaß beiseite: Ich bin zu dieser Aufgabe eigentlich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Motte kannte ich, glaube ich, seit 2013 aus dem Lichtpark. Er hatte dort ab und zu unentgeltlich aufgelegt, und wir führten regelmäßig nette Gespräche. Später lernte ich auch seine heutige Frau Ellen kennen, vermutlich ebenfalls im Lichtpark. Motte und ich hatten an der Theke nach ein paar Kaltgetränken über eine Wiedergeburt der Love Parade gesprochen. Für mich war das damals aber nichts Ernstes. Vieles von dem, was man beim Feiern erzählt, besteht schließlich zu 99 Prozent aus, nennen wir es, Partyblabla. RTP: Verstehe. Timm Zeiss: Graf, einer der ehemaligen Betreiber des Stammheims in Kassel, war ebenfalls dabei und sprach mich in den folgenden Jahren immer wieder darauf an. Er lebt übrigens schon lange in Berlin und arbeitet inzwischen in unserer Kanzlei als Insolvenzsachbearbeiter. In der Ruhe liegt die Kraft > „Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Aus dem Weltall betrachtet ist alles klein.“ > — *Timm Zeiss* RTP: Also, man bekommt langsam so ein bisschen das Gefühl, dass eure Kanzlei voll ist mit Ravern … Timm Zeiss: Jetzt, wo du’s sagst … Also, nachdem der Lichtpark Geschichte war, hatte ich nur noch unregelmäßig Kontakt zu Ellen und Motte. 2017 wurde ich Vater, und natürlich lagen meine Prioritäten danach anders, als Kontakte zur Technofamilie aufrechtzuerhalten. Ganz abgerissen ist der Kontakt aber nie. Ellen und Motte hatten die Rave The Planet gGmbH 2019 gegründet. Damals spielte ich noch keine Rolle und erfuhr davon nur aus der Presse. Die ersten beiden geplanten Paraden fielen der Coronapandemie zum Opfer. Auch die Chemie zwischen den Gründungsgesellschaftern stimmte nicht. RTP: Was war da los? Magst du das kurz ausführen? Timm Zeiss: Es sei so viel gesagt: Neben Ellen und Motte gab es noch zwei weitere Beteiligte. Und das hat nicht gut funktioniert. Es gab kein böses Blut, aber sie waren schlicht auf unterschiedlichen Planeten zu Hause. So ist das manchmal. RTP: Alles klar, aber ging’s dann weiter? Timm Zeiss: Dann kam Ellen oder Motte auf mich zu, genau weiß ich es nicht mehr. Ich sollte mich darum kümmern, dass die Anteile an der Rave The Planet gGmbH bei ihnen gebündelt werden und die anderen Mitgesellschafter ausscheiden. Das Wesentliche war bereits vorbesprochen, einige Details mussten aber noch verhandelt werden. Und plötzlich war ich selbst mit im Boot. Ellen schickte mich anschließend auf die Suche nach einem neuen Geschäftsführer. Wer Ellen kennt, weiß, dass der Anforderungskatalog lang und die Erwartungshaltung hoch war. Dumm war nur – und das schränkte meine Möglichkeiten erheblich ein –, dass damals wirklich kein Geld vorhanden war, um jemanden angemessen zu bezahlen. Nach dieser gescheiterten Mission saß ich irgendwann bei ihnen zu Hause im Wedding und wollte ihnen möglichst schonend beibringen: Mission impossible. Ellen erklärte daraufhin ganz beiläufig, dass sie eigentlich an mich selbst und nicht an einen Dritten gedacht hätten. Das mag jetzt merkwürdig klingen, aber daran hatte ich in diesem Moment und auch in den Wochen zuvor überhaupt nicht gedacht. Trotzdem sagte ich spontan zu. RTP: Wow, eine reine Impulsreaktion also? Timm Zeiss: Nein. Ich überlegte zwar auf dem gesamten Heimweg, wie ich das meiner Frau Kerstin beibringen sollte und was ich mir eigentlich dabei gedacht hatte, so unüberlegt zuzusagen. Normalerweise treffe ich solche Entscheidungen nicht spontan. Aber diese Entscheidung habe ich aus Überzeugung getroffen. Zwischen Schreibtisch und Krisenmodus RTP: So schnell kann man Teil vom Team werden. Jetzt stellen sich viele vermutlich die Arbeit für Rave The Planet immer etwas anders vor, als sie tatsächlich ist. Wie sieht dein Alltag hinter den Kulissen aus und welche Aufgaben landen normalerweise bei dir? Timm Zeiss: Mein Arbeitsalltag sieht ganz sicher nicht so aus, wie man ihn sich vielleicht vorstellt. Ich sitze nicht im Büro, während im Hintergrund laut Schranz läuft. RTP: … was ich, nebenbei bemerkt, ein bisschen witzig finde, diese Art Vorstellung. Aber wie ist sie denn, die Alltagsrealität? Timm Zeiss: Im Prinzip sehe ich mich als Speerspitze, wenn es darum geht, die Interessen von Rave The Planet durchzusetzen – gerade dann, wenn wir durch harte Turbulenzen fliegen. In solchen Situationen werde ich manchmal erst richtig wach. Das ist einfach meine Natur. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mich langweile, wenn alles nach Plan läuft. Das wird ohnehin nie vollständig der Fall sein. RTP: Nein, wird es nicht. *lacht* Timm Zeiss: Wer eine Versammlung dieser Größe und politischen wie sicherheitsrelevanten Tragweite verantwortet, ist ständig Gegenwind ausgesetzt. Seit der ersten Parade 2022 bin ich schließlich auch der Demonstrationsleiter. Natürlich ist es mir trotzdem am liebsten, wenn dieser Gegenwind nur eine leichte Brise bleibt. RTP: Ja, klar, verständlich. Klingt jedenfalls so, als ob Leidenschaft allein nicht ausreicht. Wie viel juristische, politische und wirtschaftliche Kompetenz braucht Clubkultur, um überhaupt dauerhaft bestehen zu können? Timm Zeiss: Damit sind wir wieder bei meiner Aufgabe. Ohne diese Kompetenzen geht es heute kaum noch. Zudem muss man gut vernetzt sein. Das ist häufig sogar wichtiger als rein theoretisches Wissen. Noch wichtiger sind aber Zuverlässigkeit und die Bereitschaft, zu seinem Wort zu stehen. Ich denke, dass wir uns bei Behörden und vielen Partnern auf diesem Weg viel Vertrauen erarbeitet haben. Man weiß, dass man sich auf unser Wort verlassen kann. Nur dann darf man erwarten, dass einem derselbe Respekt entgegengebracht wird. Deshalb steigt mein Puls manchmal leicht an, wenn mir einzelne Mitarbeiter aus der Verwaltung erklären wollen, dass Wasser bergauf fließt. Glücklicherweise kommt das inzwischen nur noch sehr selten vor. Wir pflegen eine gute Partnerschaft mit den Polizei- und Sicherheitsbehörden, auch wenn wir selbstverständlich nicht immer einer Meinung sind. Als plötzlich alles auf der Kippe stand RTP: Wie wichtig diese Fähigkeiten sind, zeigte sich besonders 2023. Rave The Planet stand unter enormem Druck, die Finanzierung war offen und die öffentliche Aufmerksamkeit groß. Wie hast du diese Tage erlebt? Timm Zeiss: Im Rückblick kommt mir diese Zeit wie ein Film vor. Einerseits rechnete ich gemeinsam mit Ellen die eingegangenen Spenden zusammen. Gleichzeitig saß ich mit Sissy Kraus im Hotel Berlin und diktierte Anträge an das Verwaltungsgericht. Sie ist promovierte Fachanwältin für Strafrecht und gehört zu unserem Team. RTP: Das klingt leider furchtbar. Timm Zeiss: Ja, warte ab, es geht noch weiter. Zwischendurch ging ich vor die Tür und hielt eine improvisierte Pressekonferenz, auf die ich denkbar schlecht vorbereitet war. Danach ging es wieder zurück an die Tastatur und das Diktiergerät. An manches erinnere ich mich heute kaum noch. RTP: Puh. Und dann? Timm Zeiss: Teilweise verhandelte ich bis tief in die Nacht mit dem Führungspersonal der Polizei und der Feuerwehr. Dazwischen telefonierte ich mit verschiedenen Berliner Politikern und anderen bekannten Persönlichkeiten, die uns unterstützten, darunter Albrecht Broemme, der Ehrenpräsident des Technischen Hilfswerks. Auch frühere politische Verantwortliche unterstützten uns und stellten wichtige Kontakte her. Der damalige Kultursenator Joe Chialo und sein Vorgänger Tim Renner waren ebenfalls mit von der Partie. Weitere amtierende Politiker und Abgeordnete halfen nach Kräften und vermittelten. Solange sie noch im Amt sind, gehören ihre Namen an dieser Stelle allerdings nicht in die Öffentlichkeit. Außerdem laufe ich dann Gefahr, nicht alle zu nennen, die geholfen haben. RTP: Fair enough! Timm Zeiss: Jedenfalls fand ich es sehr ermutigend, wie viel Zuspruch wir in dieser Lage erhielten. Dafür bin ich im Namen des gesamten Teams bis heute dankbar. Die meisten Presseanfragen lehnte ich ab, weil sie das akute Problem nicht lösen konnten. Gleichzeitig spielte die Presse natürlich eine wichtige Rolle beim Gelingen. Deshalb musste ich mich mit Augenmaß darauf einlassen. Verantwortung für Hunderttausende RTP: Im Prinzip sind ja diese ganzen strategischen Entscheidungen und der Umgang mit guten wie schlechten Situationen essenziell. Rave The Planet ist ja Demonstration, Kulturprojekt, politische Botschaft und logistischer Großapparat zugleich. Was bedeutet Verantwortung in einem solchen Gefüge für dich ganz konkret? Timm Zeiss: Das ist eine sehr abstrakte Frage, denn an dieser Verantwortung hängt sehr viel. RTP: Okay, dann versuchen wir’s mal mit deinem vielleicht wichtigsten Verantwortungsbereich. Timm Zeiss: Der wichtigste konkrete Teil meiner Verantwortung ist auf jeden Fall die Sicherheit der Teilnehmenden. Die abstrakte Gefährdungslage ist derzeit angesichts der politischen Spannungen in Deutschland und weltweit sehr hoch. Das bereitet mir große Sorgen, aber keine Angst. Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. RTP: Woran denkst du da konkret? Timm Zeiss: Ganz allgemeine, unvorhersehbare Ereignisse, die das Event ins Wanken bringen könnten. Aber ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Unser Sicherheitskonzept ist sehr gut und ausgereift und es wird jedes Jahr angepasst. RTP: Jetzt ist daraus eine Versammlung mit Hunderttausenden Menschen, Dutzenden Floats, unzähligen Artists und einer riesigen Erwartungshaltung entstanden. Wie verändert das den eigenen Blick auf Führung und Entscheidungen? Timm Zeiss: Ganz kurze Antwort: gar nicht. Sonst wäre ich die falsche Person für diesen Job. Eine so große Versammlung muss man mit derselben Ruhe verantworten wie eine kleine Veranstaltung. Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Aus dem Weltall betrachtet ist alles klein. Kulturerbe mit Schlafdefizit RTP: Sprechen wir mal über die Errungenschaft für die Szene, nämlich den Meilenstein der Anerkennung der Berliner Technokultur als immaterielles Kulturerbe. Du warst auch bei der Übergabe der Urkunde dabei. Was hat dieser Moment bei dir ausgelöst? Timm Zeiss: Ich war sehr stolz, als ich von dieser Entscheidung erfuhr. Das war schließlich lange vor der eigentlichen Übergabezeremonie. Am betreffenden Tag in Wiesbaden war ich zugegebenermaßen todmüde. Zusammen mit Ellen, Motte und zwei weiteren Projektbeteiligten fuhr ich mit dem Zug von Berlin zur Verleihung. RTP: Und wie war’s für dich im Nachhinein? Timm Zeiss: Ich fand die Veranstaltung sehr gelungen. Wir durften interessante Menschen kennenlernen, darunter den hessischen Kultusminister und Vertreter anderer Gruppen und Vereine, deren Traditionen und Ideale ebenfalls in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen worden waren. Aber wie gesagt: Ich war echt müde und deshalb sehr froh, dass ich auf der Bühne nicht viel mehr sagen musste als „Danke schön!“. Motte führte das Wort. Solche Tage gibt es auch bei mir. Man kann nicht immer nur Höchstleistung bringen. RTP: Bei aller Größe versteht sich Rave The Planet ausdrücklich nicht nur als Veranstaltung, sondern als Demonstration mit Haltung. Worauf muss, würdest du sagen, immer wieder geachtet werden, damit dieser politische Anspruch dauerhaft erkennbar bleibt? Timm Zeiss: Der politische Anspruch muss in unseren Forderungen, Redebeiträgen und in der gesamten Ausgestaltung der Demonstration deutlich erkennbar bleiben. Einzelheiten unserer rechtlichen und strategischen Überlegungen möchte ich derzeit allerdings nicht öffentlich vertiefen. RTP: Die Technokultur spricht viel über Freiheit, Respekt, Vielfalt und Gemeinschaft. Gleichzeitig erlebt man Kommerzialisierung, Verdrängung und ausgeprägte Egos. Wo liegen für dich momentan die größten Widersprüche? Timm Zeiss: Wo Menschen handeln, sind solche Entwicklungen zu erwarten. Trotzdem steht nicht alles zwangsläufig im Widerspruch zueinander. RTP: Kannst du das erläutern? Timm Zeiss: Kommerzialisierung wird häufig ausschließlich negativ bewertet. Gleichzeitig braucht auch Kultur ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Entscheidend ist die Balance und dass wir die zentralen Werte der Technokultur nicht aus den Augen verlieren: Freiheit, Respekt, Vielfalt und Gemeinschaft. Diese Werte müssen wir immer wieder hochhalten, damit sie nicht untergehen. Zwischen Bühne und Maschinenraum RTP: Du bist ja trotz deiner Funktion jetzt nicht übermäßig im Fokus als Person. Vielmehr wird Rave The Planet stark mit Dr. Motte verbunden. Wie würdest du deine eigene Rolle im Gesamtgefüge beschreiben: eher im Hintergrund, eher gestaltend oder irgendwo dazwischen? Timm Zeiss: Überhaupt nicht im Hintergrund, aber eben auch nicht immer im Vordergrund. Ich habe viel zu wenig Zeit, um nach außen ständig sichtbar zu sein. Ich kann nicht jede Veranstaltung besuchen, zu der ich eingeladen werde. Motte ist ein Visionär. Seine Frau Ellen ist unsere Produktionsleiterin und sorgt dafür, dass bei ihr alle Fäden zusammenlaufen und im richtigen Moment tatsächlich alles passiert. Meine Aufgabe sehe ich vor allem darin, aus den Visionen das Durchsetzbare herauszufiltern und umzusetzen. Dabei muss ich manchmal Motte und Co. bei Laune halten und vermitteln, dass 50 Prozent besser sind als null, auch wenn 100 Prozent leider nicht immer möglich sind. RTP: In guten wie in schlechten Zeiten. Timm Zeiss: Wenn es irgendwo knallt, ist es meine Aufgabe, die Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten, damit das Projekt weiterbestehen kann. In solchen Situationen genieße ich das Vertrauen des Teams. Dann versuche ich, den Rest des Leitungsteams so weit wie möglich zu entlasten und aus den Auseinandersetzungen herauszuhalten. RTP: Kannst du aus deinen umfassenden Erfahrungen jungen Kollektiven, Veranstalterinnen und Veranstaltern oder Aktivistinnen und Aktivisten, die Kultur nicht nur mitfeiern, sondern langfristig mittragen wollen, Tipps geben? Timm Zeiss: In der Technoszene läuft es nicht anders als in jedem anderen Geschäfts- oder Kulturfeld. Man sollte nicht naiv glauben, dass hier besondere Regeln gelten oder dass einem Verantwortung und Haftung abgenommen werden. Gute Absichten ersetzen weder Rechtssicherheit noch wirtschaftliche Sorgfalt. Das mag schade sein, aber es ist die Realität. RTP: Was wünschst du dir grundsätzlich von Politik und Verwaltung im Umgang mit elektronischer Musikkultur, auch über Rave The Planet hinaus? Was muss dringend öffentlich diskutiert werden? Timm Zeiss: Die elektronische Musikkultur hat es im Verhältnis zu Politik und Verwaltung meines Erachtens noch immer sehr schwer. Das zeigt sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Teilweise wird noch immer davon ausgegangen, dass Techno untrennbar mit Drogenkonsum verbunden sei. Mitunter wird die gesamte Technokultur sogar darauf reduziert. RTP: Nervig, aber leider wahr, ja. Timm Zeiss: Das ist genauso unsachlich wie jeden Besucher des Oktoberfests als Alkoholiker oder jeden Stadionbesucher als Hooligan zu bezeichnen. Politik und Verwaltung sollten unsere Musikkultur als gleichwertig mit anderen Kulturformen betrachten und dieses Zerrbild beenden. In Teilen geschieht das bereits, oder die Entwicklung bewegt sich zumindest in die richtige Richtung. In einer Opferrolle fühle ich mich allerdings nicht wohl. Deshalb bleiben wir mit unseren Forderungen am Ball. „Es gibt auch eine andere Seite“ RTP: Kommen wir mal zum Ende und damit zu der Frage: Wofür lohnt sich die gesamte Arbeit rund um Rave The Planet für dich? Timm Zeiss: Wir können mit Stolz behaupten, dass wir etwas sehr Großes geschaffen haben. Wir sind nicht die Love Parade, aber wir führen ihre Werte und ihren Geist aus frühen Zeiten fort. Die Welt besteht nicht nur aus sinnlosen Kriegen, Konflikten, politischer Verantwortungslosigkeit und Machtfantasien. Es gibt auch eine andere Seite. Wir versuchen, das Positive im Menschen zu aktivieren – auf allen Ebenen, die uns zugänglich sind. Und wenn wir die Welt mit unseren Paraden und anderen Aktivitäten auch nur in einem noch so kleinen Mikrokosmos ein Stück friedlicher machen, dann lohnt sich die Arbeit für uns alle und damit auch für mich persönlich. Das war für meine Verhältnisse jetzt allerdings schon ziemlich viel Pathos. RTP: Vielen lieben Dank, Timm, für die ganzen Einblicke und weiterhin alles Gute für die Planung zu Imagine Love! Danke für das Gespräch! Schnelles über Timm zum Schluss - Selbstbeschreibung: Pragmatiker
- Sound, den ich außerhalb von Techno mag: Mike Oldfield, Fleetwood Mac, Pink Floyd aber auch Iron Maiden
- Kann ich richtig gut: Mich auf das Wesentliche konzentrieren und andere „Störungen“ ausblenden
- Kann ich überhaupt nicht: Zeichnen, Geduld üben, Erklären
- Mag ich: Frieden, Wissenschaft, Technik
- Mag ich nicht: Personenkult sowie extreme, undifferenzierte und absolutistische Ansichten, egal in welche Richtung
- Ich würde gern mal zusammenarbeiten mit: Meinen besten Kolleg*innen, das mache ich schon jeden Tag aufs Neue
- Wichtigstes Engagement außerhalb von Rave The Planet: Freshwaters Anwaltskanzlei
- Was du der Welt mitteilen möchtest: Sei brav und friedlich, du bist nur ein kleiner Planet im Universum, komm dir nicht so wichtig vor, auf dem Schulhof der Planeten wirst Du sonst nur noch gehänselt. Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion
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